Stabil : Informationen aus statistischen Daten


Statistik erhalten gebliebener Kästen

Jürgen Kahlfeldt hat über 650 gefundene Stabil-Baukästen untersucht und daraus eine Tabelle angefertigt, die aussagt, wie viele Kästen davon welchen Produktionsjahren zugeordnet werden können.
Es wurden Zahlen angegeben, damit man daraus die statistische Sicherheit beurteilen kann.

Statistik Kastenfunde
Zuerst müssen aber noch einige Vorbemerkungen zur Tabelle erfolgen.
Nach einem mäßigen Anstieg bis 1914 folgte ein Rückgang in den Jahren des Ersten Weltkriegs. Ab 1918 erfolgte ein leichter Anstieg, der bis 1923 blieb oder leicht zurück ging. Mit der Einführung der Rentenmark 1924 ging es dann aber rasant aufwärts. Zwischen 1925 und 1928 konnte die Firma ihre Produktion versechsfachen. 1928 dürfte es die größten Gewinne gegeben haben.
1929 begann die Weltwirtschaftskrise, die bis 1932 zu einer Verarmung der Bevölkerung führte. Entsprechend sackten die Produktionszahlen 1932 auf einen Stand wie um 1925. Es gab danach wieder einen Anstieg, auf den aber ein Einbruch 1936 folgte. Die in dieser Zeit einsetzende Zwangsorganisation der Jugend, mit dem Ziel sie tauglich zu machen für den großen geplanten Krieg, mag dazu beigetragen haben, dass das Interesse an Ingenieurtechnik in den Hintergrund trat. Der Einbruch 1940 ist dann auf den Kriegsbeginn zurückzuführen.
In den 50er Jahren gab es zunächst eine hohe Nachfrage, die sich schnell wieder normalisierte. Bis 1956 stieg die Produktion, ging danach aber stetig zurück. Um 1966 versuchte man noch einmal, die Kästen in Großmärkten zu verkaufen, was anscheinend wieder höhere Produktionszahlen brachte. Nach 1966 ging die Produktion stark zurück, was zum Ende von Stabil führte.

Die Zahlen der Funde haben durchaus einen Zusammenhang mit den Produktionszahlen. Das Verhältnis (Anzahl Funde) : (Produktionszahl) ist jedoch 1911-1943 ein anderes als in den Jahren ab 1950. Die Anzahl der im Krieg vernichteten Kästen wären von den Produktionszahlen aus den Jahren 1911-1943 abzuziehen, wenn die Verhältniszahlen gleich sein sollen.

Wenn man nun die geschätzten Umsatzzahlen und Produktionszahlen von 1930 mit der obigen Tabelle in Beziehung setzt, kann man auch die geschäftliche Entwicklung von 1911-1943 abschätzen.


Kasten4949a49M5050a 50M5151a5252a52b 5353a53b5454a55
Anzahl71807 12693 5667643341 19171453
Die Tabelle rechts zeigt, wie häufig die verschiedenen Kastengrößen aufgefunden wurden.

Hier sind jedoch einige Bemerkungen sehr wichtig.

Sammler suchen wertvolle Kästen. Deshalb nimmt ein Sammler nicht jeden kleineren Kasten, besonders wenn dieser nur in einem jämmerlichen Zustand angeboten wird.

Viele kleinere Kästen sind schon in der Kindheit des Erstbesitzers verloren gegangen. Sie wanderten in Bastelkisten oder wurden entsorgt. Größere Kästen dagegen wurden aufgehoben. Das erklärt, warum nur so wenige Kästen 49 noch vorhanden sind.
Auch sind mehr Ergänzungskästen 49a vorhanden als Grundkästen 49. Die Verpackung eines Kastens 49 war bald zerschlissen und wurde entsorgt. Die Teile wurden danach im Karton des 49a aufbewahrt.
Offensichtlich war der Kasten 50 ein beliebter Einstiegskasten, der dann mit einem 50a und später noch mit einem 51a erweitert wurden. Dass es mehr Kästen 51a gibt als Grundkästen 51, begründet die vorige Annahme.


Statistik der örtlichen Verbreitung von Stabil

LandRegionEinwohner
1937
in Tausend
Prämierte
Modelle
1919-
1940
Modelle
pro
Million
Einwohner
%-Satz
vom
Durch-
schnitt
BrandenburgO 28985920.4110
BerlinO 269218669.1375
Baden-WürttembergS 5255214.022
BayernS 7395648.747
Hansestadt BremenN 4621838.9211
HessenW 3487288.044
Hansestadt HamburgN 12972922.4121
Mecklenburg-VorpommernN 41476014.578
NiedersachsenN 55148916.188
Nordrhein-WestfalenW 1064715314.478
Rheinland-PfalzS 24332811.562
Schleswig-HolsteinN 21006932.9178
SaarlandS 68922.916
SachsenO 483717736.6198
Sachsen-AnhaltO 36054813.372
ThüringenO 25506224.3132
OstpreußenO 23004419.1104
SchlesienO 47009921.1114
Regionale Zusammenfassung 
Nord 1352126519.6106
Ost 2358367528.6155
Süd 157721157.340
West 1413418112.869
Summe 67010123618.4100
Jürgen Kahlfeldt hat die veröffentlichten Daten aller bisher bekannten Gewinner von Geldpreisen bei Stabil-Wettbewerben in einer Tabelle aufgenommen. Wer nur einen Trostpreis bekam, dessen Daten wurden von der Firma Walther nicht veröffentlicht und fehlen folglich in der Tabelle.

Durch die Zuordnung der angegebenen Anschriften der Teilnehmer lässt sich nun ermitteln, wie die Verteilung der Gewinner auf die heutigen Länder und auch auf die damalige Bevölkerung aussieht.

Das Ergebnis sehen Sie in der Tabelle links.

Am wichtigsten ist dabei die Anzahl der prämierten Modelle aus den Jahren 1919-1940 pro Million Einwohner in dem entsprechenden Land.
In der letzten Spalte erkennt man, in wie weit der Wert für das entsprechende Land vom Durchschnitt abweicht.
Werte über 100 kennzeichnen mehr Stabil-Gewinner als woanders und damit auch mehr Stabil-Baukästen als in anderen Ländern. Ein Wert von 100 entspricht dem Durchschnitt.

Bei der regionalen Zusammenfassung erkennt man, dass Stabil im Norden und Osten besonders stark verbreitet war.


Die Selbst-Beschränkung der Firma Walther

"Von Meccano lernen" war sicher kein Wahlspruch der Firma Walther, aber man beobachtete die englische Firma doch sehr genau.
Man muss dabei allerdings die Größenordnungen der Firmen Meccano und Walther sehen. Die englische Firma Meccano hatte sich im Laufe der Zeit zu einem Weltkonzern entwickelt, nicht nur mit Metallbaukästen, sondern auch mit Flugzeug-Baukästen, Eisenbahnen, ja sogar mit einer Jugendzeitschrift (dem Meccano Magazin). 1932 waren 1100 Personen allein in der Fertigung beschäftigt [MM 1932/10].
Meccano-Metallbaukästen waren Marktführer in jedem Land, nur nicht in Deutschland. Das Meccano-Vermögen in Deutschland war ja 1914 als Feindvermögen vom Deutschen Reich eingezogen worden.
Die Firma Walther war dagegen nur ein kleines mittelständisches Familienunternehmen, dem es gelang, den Markt in Nord- und Ostdeutschland mit Metallbaukästen als Marktführer zu versorgen. Von 150 saisonal zeitweilig Beschäftigten ist 1930 die Rede. Walther hatte dabei immer einen starken Konkurrenten, nämlich die Firma Märklin. Diese Firma war Marktführer im Süden, und sie war ein alteingesessenes Spielwarenunternehmen, für das die Metallbaukästen nur ein Produktbereich waren, neben Eisenbahnen, Auto-Baukästen und vielem Anderen.

Bei dieser finanziellen Ausstattung konnte Walther nicht die Aktivitäten entwickeln, wie etwa Meccano. Die Herausgabe einer Zeitung, wie die Stabil- und Record-Zeitung, erforderte etwas mehr leitendes Personal, als die Familie Walther allein hätte aufbringen können. Die Redaktion gab man an Franz Ruschke, der diese Aufgabe offenbar als externer Mitarbeiter erledigte. Es gab eine Propaganda-Abteilung, die u.a die Wettbewerbe organisierte.
In der Stabil- und Record-Zeitung taucht daneben noch der Name Ernst Torgau auf, der für die Firma Walther als Prokurist gearbeitet hat. Nach dem Krieg hat es ihn nach Schwabach verschlagen. Von dort aus kam er jahrelang als Messehelfer zu Walther auf den Stand der Nürnberger Spielwarenmesse.

Gustav Boehme 1931 Gustav Boehme am 65. Geburtstag
Weiterhin war Gustav Boehme als beratender Ingenieur bei der Firma Walther tätig. Sein Name taucht in der Liste der Preisrichter für die Stabil-Wettbewerbe mehrfach auf. 1932 verließ er Berlin und trat in die Firma Markes & Co in Lüdenscheid als Prokurist ein - er hatte 1932 eingeheiratet [DSZ 1934, S.43]. Er wurde Teilhaber der Firmen Markes & Co in Lüdenscheid und, zusammen mit Markes, Teilhaber der Firma Dr.-Ing. Boehme & Co in Minden.
So konnte er seine Ideen eines Flugzeug-Baukastens und eines Auto-Baukastens verwirklichen. Ab 1939 hatte er dann den Metallbaukasten DUX im Programm, der allerdings mit Stabil nur wenig gemeinsam hat.
Es gibt zu Boehme aber auch eine dunkle Seite. Die Zusammenhänge sind noch nicht genug erforscht.
Das linke Bild ist von 1931, wo er als Preisrichter bei Stabil tätig war. Das rechte Bild wurde 1964 veröffentlicht anlässlich seines 65. Geburtstags. [DS 1964 S.662]
Die Firma Markes & Co war zeitweise schon seit 1916 Zulieferer für Einzelteile an die Firma Walther [DSZ 1954 S.463].
Franz Ruschke hat später ebenfalls für Markes & Co gearbeitet.

Bekannt ist noch ein Herr Werner Nicolai, der ab etwa Mitte der 30er Jahre als Handelsvertreter für die Firma Walther tätig war. Er war auch auf den Spielwarenmessen in Nürnberg regelmäßig anwesend. Bis kurze Zeit vor dem Ende der Produktion arbeitete er für die Firma Walther. Da stand er dann schon kurz vor seiner Pensionierung.

Offensichtlich war die Firma Walther überfordert, einen Stabil-Baukasten-Verein nach dem Muster von "Richters Anker-Steinbaukasten-Verein" oder gar der "Meccano Guild" zu organisieren.
Es wären hohe Personalkosten erforderlich gewesen. Man hätte auch die Stabil- und Record-Zeitung stärker in die Organisation des Vereins einbinden müssen.

Nach allen bisherigen Beobachtungen war das Familienunternehmen - zumindest nach dem Tod von Franz Walther im Jahr 1931 - nicht auf eine weltweite Expansion aus. Man war froh, in Deutschland eine gesicherte Marktposition zu haben.
Obwohl die Expansion der Jahre 1925-1930 enorme Gewinne brachte, ergab sich ab 1931 doch ein fortlaufender Abstieg aufgrund der Weltwirtschaftskrise. Man dachte immer mehr an Sparmaßnahmen. 1932 wurden sogar die Wettbewerbe bis 1936 eingestellt. Die Stabil- und Record-Zeitung wurde nicht mehr herausgegeben. Messingteile wollte man um 1936 durch Aluminium ersetzen, was die Kunden verärgerte. Man ging darauf, zumindest bei einigen Teilen, wieder zurück zu Messing.
Die kleinen Kästen wurden dagegen besonders gefördert, denn für diese gab es die meisten Kunden, und mit denen machte man die meisten Gewinne. Die großen Kästen wurden dagegen vernachlässigt. Es gab bis zum Ende der Produktion (1970) keine nennenswerten Änderungen an den größeren Kästen mehr.

Was man dagegen aus der Firma Walther hätte machen können, was Franz Walther bestimmt auch getan hätte, erahnt man beispielsweise am Werdegang der Firmen von Gustav Boehme in Minden und Lüdenscheid.




Für die Beschaffung vieler Informationen zu den Wettbewerben und deren statistischer Auswertung danke ich ganz herzlich Jürgen Kahlfeldt. Er hat auch die Statistik über 650 bekannte Kästen zusammengestellt und die Daten in einer Tabelle zur Verfügung gestellt. Daraus entstand dann eine Graphik.
Ohne Jürgens Hilfe gäbe es diese Informationen hier nicht.
Zu Boehme danke ich M.K.

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